Perspektive #3: THAT CLOUD

"…Schnell, hol deine Patronen …Schnell, hol dein Schießpulver …Ich kann sie alle erschießen, weil ich das schnellste und größte Flugzeug der Welt und viele Gewehre habe!"

Im Film Cenetar von Connie Walsh ist ein spielendes Kleinkind mit weißblonden Haaren und rosa Pausbäckchen im Schneidersitz vor einem Bildschirm mit strahlend blauem Himmel und weißen Wölkchen zu sehen. Der improvisierte Monolog des Kindes wird mit Tonaufnahmen eines Kampfjetpiloten kombiniert. Ein unschuldiges Kind gibt den Befehl zur totalen Vernichtung. Am Ende hören wir fallende Bomben, und kurz bevor der Junge aus dem Bild verschwindet, lacht er schelmisch. Seine Augen drücken eine Ahnung davon aus, dass etwas Schlimmes und vielleicht Unethisches passiert ist, doch gleichzeitig verrät sein Mund spielerisches Vergnügen.

Als Künstlerin, die selbst Filme macht, und als Zuschauerin denke ich darüber nach, wie mich Menschen faszinieren, die sich in einer gefährlichen Situation befinden oder sich und/oder andere in gefährliche Situationen bringen. Die Spannung, die Fassungslosigkeit und die Erregung machen grausame Szenen und Erzählungen für mich so anziehend. Darstellungen von Gewalt sind wie eine Art verbotener Früchte, die es mir ermöglichen, über menschliche Zustände nachzudenken. Zugleich kann mein neugieriger Blick aber für obszön und voyeuristisch gehalten werden. In diesen Zeiten politischer Radikalisierung und hoher theoretischer Ansprüche in den Künsten, werden Bilder von Aggression, Macht und Elend kritisch betrachtet. Ich bemerke, wie dieser allgegenwärtige kritische Blick in meiner eigenen künstlerischen Entwicklung zu Vorsicht, Lähmung und Ohnmacht führt. Die Filmmacher*innen in diesem Programm inspirieren mich, weil sie sich gegen diese überkritische Position wenden. Es gelingt ihnen, mit ihrer Arbeit in einen Grenzbereich vorzudringen, der zwischen Provokation und Fühlbarkeit, Unmittelbarkeit und Sensibilität, Horror und Schönheit, Spiel und scharfsinniger Untersuchung liegt.

In ihrem eben beschriebenen Film erkundet Connie Walsh, wie und wann menschliche Aggression entsteht. Beate Geissler & Oliver Sann gehen in fuck the war einen Schritt weiter. Der Film beginnt mit der Einstellung eines verfallenen Autohauses, auf dessen Tür ein Hakenkreuz gesprüht wurde. In der nächsten Einstellung sehen wir zwei Jungen in militärischer Kleidung mit Gewehren in den Händen, die kaum von echten Gewehren zu unterscheiden sind. Der Junge auf der linken Seite krümmt sich vor Lachen und kann sich kaum auf den Beinen halten. Doch urplötzlich hört er auf zu lachen und beginnt zu schießen. Die Lust der Jungen auf Gewalt steht in Beziehung zu unseren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Damit stellt der Film die Frage, wo das Kinderspiel aufhört und die tödliche Realität, mit der wir konfrontiert sind, beginnt.

In 3 Logical Exits von Mahdi Fleifel sprechen palästinensische Männer über die Gewalt, mit der sie zu tun haben, so, als würden sie über den Einkauf von Lebensmitteln diskutieren. In ihrer Realität scheint Gewalt die natürlichste Sache der Welt zu sein. Ihr Verhältnis zu Tod, Konflikt und Aggression unterscheidet sich sehr von meinem. Der eindringlichste Moment ist, als Fleifel erfährt, dass die Männer tanzen, um den Tod eines Gegners zu feiern. Der Film vermittelt auf gekonnte Weise die Grauzone (tatsächlich verwandeln sich die Bilder in graue Pixel) zwischen Traurigkeit, Schmerz, Zerstörung, Vergnügen und Feiern.

Jumama Manna sucht in Blessed Blessed Oblivion nach einer ähnlichen Grauzone. In ihrem Film trifft Machismo auf Verletzlichkeit. Sie porträtiert die männliche Gangsterkultur der Friseure und Autohändler in den Straßen von Ostjerusalem. Die knallharte Selbstglorifizierung der Männer trifft auf eine sensible und zuweilen sinnliche Art des Filmens. Es wird der Konflikt gezeigt, in dem die Filmemacherin sich kritisch zur Machokultur äußert, sich aber gleichzeitig von den gezeigten Personen verführen lässt.

Energie Sombre von Florian Pugnaire & David Raffini beschäftigt sich mit einem ähnlichen Machismo. Die Filmemacher wollen ein Auto zerstören. Ihre Aggression und die Zerstörung des Fahrzeuges erinnern an die Kinder, die in Fuck the War auf eine Waschmaschine schießen und sie mit Eisenstangen zerstören. Ich kann nicht anders, als diesen Film als Umsetzung eines Jungstraums zu interpretieren. Indem die scheinbar spielerische und unschuldige Verwüstung des Autos in einem von der kapitalistischen Industrie verschmutzten Wald stattfindet, werden die Grenzen zulässiger Zerstörung infrage gestellt.

In Liberian Boy filmen Mati Diop & Manon Lutanie den sich entwickelnden Körper eines tanzenden Teenagers. Die erotische Choreografie und die Kleidung, die der Junge trägt, beziehen sich eindeutig auf die Ikone Michael Jackson. Abseits des Bildschirms, in der Vorstellung der Zuschauer*innen, empfinden wir einen Schauer, als der Film gekonnt die gewalttätige sexuelle Geschichte von Michael Jackson ins Spiel bringt. Im Verlauf des Films wird der Tanz zunehmend aggressiver, bis es so aussieht, als würde der Junge auf jemanden einstechen, wodurch das Seherlebnis immer vulgärer und unbehaglicher wird.

Walsh, Geissler & Sann und Diop & Lutanie untersuchen auf poetische Weise, wie Geschichten der Gewalt filmisch übersetzt werden können. Fleifel fängt Männer ein, die sich in ständiger Gefahr befinden, während Manna sich selbst als einzige Frau in einer Gangsterkultur in eine potenziell gefährliche Situation begibt. Dennoch sind die Filme alles andere als gewaltvoll. Die Wolken in Cenetar, das Gedicht in Blessed Blessed Oblivion, der Green Screen in Liberian Boy und die grauen Pixel in 3 Logical Exits eröffnen filmische Welten, in denen ich träumen kann. Auf Wolken schwebend (wie es so schön heißt) stelle ich mir gewalttätige Szenen vor, ohne dass sie auf dem Bildschirm zu sehen sind. Die Wolken erlauben es mir, meine Aufmerksamkeit zu unterbrechen und geben mir die Möglichkeit, auf eine nicht urteilende Weise über meine Sensationslust nachzudenken, wenn ich es mir gestatte, den Schmerz anderer zu betrachten.

Eva van Tongeren



Zur Person

Eva van Tongeren ist eine in Antwerpen, Belgien, lebende Künstlerin und Kuratorin, die sich mit dem Medium Film auseinandersetzt. Sie ist die Kuratorin und treibende Kraft des Visite Festivals, einer Collage aus experimentellem Dokumentarfilm und politischem Kino. In ihrer eigenen Praxis bezieht sie ihre sozialen und anthropologischen Interessen in persönliche Geschichten und universelle Themen ein. Ihre filmischen Arbeiten variieren in ihrer Form, sind aber durch das gemeinsame Thema der Fürsorge verbunden.



Image Credit: Connie Walsh, Cenetar (Detail), 2008, © Courtesy the artist

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